Der Vagusnerv – dein innerer Weg zurück in die Balance

Stell dir ein baumartiges Bündel vor. Es besteht aus Tausenden feiner Fasern und entspringt tief in deinem Gehirn. Von dort aus zieht es sich durch deinen Nacken, verzweigt sich durch den Brustraum und reicht bis tief in deinen Bauch.

Dieser erstaunlich lange Nerv – der sogenannte Vagusnerv – verdankt seinen Namen dem lateinischen Wort für „wandern“.

Und genau das tut er:
Er verbindet dein Gehirn mit fast allen wichtigen Organen deines Körpers – Herz, Lunge, Verdauungssystem – und bildet eine Art lebendige Kommunikationsachse zwischen Körper und Geist.

Was der Vagusnerv wirklich macht

Der Vagusnerv ist ein zentraler Teil deines parasympathischen Nervensystems – also jenes Systems, das für Ruhe, Regeneration und Heilung zuständig ist.

Während der Sympathikus dich in Alarmbereitschaft versetzt (Kampf, Flucht, Anspannung), hilft dir der Vagusnerv dabei, wieder herunterzufahren:

  • deine Herzfrequenz zu senken

  • deine Verdauung zu aktivieren

  • dein Immunsystem zu regulieren

  • dich emotional zu stabilisieren

Er wirkt wie eine Bremse in deinem Nervensystem.

Und vielleicht noch wichtiger: Er arbeitet in beide Richtungen. Nicht nur dein Gehirn beeinflusst deinen Körper – auch dein Körper sendet ständig Signale zurück an dein Gehirn.

Warum er so entscheidend für dein Wohlbefinden ist

Ein gut funktionierender Vagusnerv hilft dir, nach Stress wieder in Balance zu kommen. Das bedeutet nicht, dass du keinen Stress mehr erlebst. Sondern, dass dein System flexibel bleibt. Genau das ist Resilienz. Nicht „immer ruhig sein“ –sondern: reagieren können und wieder zurückfinden. Wenn diese Regulation gestört ist, kann es sich so zeigen:

  • anhaltender Stress oder innere Unruhe

  • Erschöpfung oder „Gehirnnebel“

  • Verdauungsprobleme

  • emotionale Dysbalance

Der Vagusnerv in der Yogatherapie

In der Yogatherapie betrachten wir den Vagusnerv nicht isoliert – sondern als Teil eines komplexen, fühlenden Systems. Ein Ansatz, der mich dabei besonders geprägt hat, stammt aus der Arbeit von Lizzy Lasater und Mary Richards (Online Kurse Deep Rest auf www.lasater.yoga).

Dort wird ein zentraler Gedanke sehr klar: Sicherheit entsteht nicht im Kopf – sondern im Körper. Das bedeutet: Du kannst dir nicht einfach „einreden“, dass alles gut ist. Dein Nervensystem orientiert sich an etwas viel Grundlegenderem:

  • deinem Atem

  • deinem Herzschlag

  • inneren Empfindungen

  • Spannungszuständen im Gewebe

Der Neurowissenschaftler Stephen Porges beschreibt diesen Prozess als Neurozeption
eine unbewusste Bewertung von Sicherheit oder Gefahr. Erst danach beginnt dein Verstand, eine Geschichte dazu zu erzählen.

Die Atmung als Schlüssel

Hier kommt die Praxis ins Spiel. Die Atmung ist eines der wenigen Systeme in deinem Körper, das sowohl automatisch als auch bewusst gesteuert werden kann.

Das macht sie zu einem direkten Zugang zum Nervensystem.

  • Beim Einatmen wird dein System leicht aktiviert

  • Beim Ausatmen wird der Vagusnerv angesprochen

Besonders eine ruhige, verlängerte Ausatmung signalisiert deinem Körper: „Du bist sicher.“

Dabei geht es nicht um Kontrolle oder Leistung. Im Gegenteil: Zu intensive Atemübungen können dein System sogar überfordern.

Viel entscheidender sind:

  • Rhythmus

  • Sanftheit

  • Regelmäßigkeit

Regulation statt Perfektion

Ein wichtiger Gedanke aus der Yogatherapie ist: Es geht nicht darum, dein Nervensystem zu „kontrollieren“ sondern darum, es zu unterstützen

In der Praxis bedeutet das oft:

  • langsame, einfache Bewegungen

  • bewusste Pausen

  • Aufmerksamkeit nach innen

  • ein Gefühl von Sicherheit im Körper

Diese scheinbar kleinen Dinge können eine große Wirkung haben.

Meine Erfahrung aus der Praxis

In meiner Arbeit beobachte ich immer wieder: Es sind selten die komplexen Techniken, die den größten Unterschied machen. Oft beginnt Regulation ganz unspektakulär.

Nach einigen Minuten ruhiger Bewegung oder bewusster Atmung verändert sich etwas:

  • der Atem wird tiefer

  • der Blick weicher

  • der Körper entspannter

Und plötzlich entsteht ein Gefühl von „Ankommen“. Nicht erzwungen – sondern erlaubt.

Vagus-Tonus – wie anpassungsfähig ist dein System?

Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang oft auftaucht, ist der Vagus-Tonus. Er beschreibt, wie gut dein Vagusnerv arbeitet – also wie schnell dein Körper von Stress in Ruhe wechseln kann, sich an Veränderungen anpasst und wieder in Balance findet.

Ein hoher Vagus-Tonus wird mit Dingen verbunden wie:

  • emotionaler Stabilität

  • guter Stressresistenz

  • körperlicher Gesundheit

Ein niedriger Tonus dagegen mit:

  • erhöhter Stressanfälligkeit

  • chronischer Anspannung

  • verminderter Regenerationsfähigkeit

Was deinen Vagusnerv unterstützt

Du musst nichts Kompliziertes tun. Oft sind es einfache Dinge, die wirken:

  • langsame, bewusste Atmung

  • Bewegung ohne Leistungsdruck

  • ausreichend Ruhe

  • soziale Verbindung

  • ein Gefühl von Sicherheit im eigenen Körper

6 Übungen zur Aktivierung des Vagusnervs

Der Vagusnerv ist kein „Hack“ und keine schnelle Lösung. Aber er ist ein Zugang.

Ein Zugang zurück zu einem Zustand, in dem dein Körper nicht im Überlebensmodus ist –
sondern in Verbindung, Regulation und Lebendigkeit. Und vielleicht beginnt dieser Weg nicht mit einer großen Veränderung, sondern mit einem einzigen ruhigen Atemzug.

1. Verlängerte Ausatmung

Warum: Die Ausatmung aktiviert direkt den parasympathischen Anteil – also den Vagusnerv.

So geht’s:

  • Setz oder leg dich bequem hin

  • Atme durch die Nase ein (zähle bis 4)

  • Atme langsam durch die Nase oder den Mund aus (zähle bis 6 oder 8)

  • Finde deinen eigenen Rhythmus. Mache Pausen, wenn es zu viel wird.

Dauer: 3–5 Minuten

Woran du merkst, dass es wirkt: Dein Atem wird ruhiger, dein Körper entspannter, dein Geist ruhiger.

2. Sama Vritti (gleichmäßiger Atem)

Warum: Reguliert dein Nervensystem durch Rhythmus und Vorhersehbarkeit und vermittelt dadurch Sicherheit.

So geht’s:

  • Einatmen 4 Sekunden

  • Ausatmen 4 Sekunden

  • später ggf. auf 5–5 steigern

  • Wichtig dabei ist, fliessend zu bleiben und ruhig und gleichmässig zu atmen.  

Dauer: ca. 5 Minuten täglich

3. Summen / Tönen

Warum: Der Vagusnerv ist mit Kehlkopf und Stimme verbunden .  Die Vibration stimuliert ihn direkt.

So geht’s:

  • Atme ein

  • Summe beim Ausatmen ein langes „Mmmmm“ oder „Ommm“

  • spüre die Vibration im Brustraum, Hals oder Gesicht

Dauer: 2–3 Minuten

Diese Atmung ist besonders effektiv am Abend oder bei innerer Unruhe.

4. Sanfte Augen- und Orientierungsübung

Basierend auf der Idee der Neurozeption von Stephen Porges

Warum: Dein Nervensystem sucht ständig nach Sicherheit über deine Sinne

So geht’s:

  • Schau dich langsam im Raum um

  • Lass deinen Blick weich werden

  • Benenne innerlich 3 Dinge, die du siehst

  • dann 2 Dinge, die du hörst

  • dann 1 Körperempfindung

Dauer: 2–3 Minuten

Diese Übung bringt dich aus dem „Stress-Tunnel“ zurück ins Hier und Jetzt

5. Unterstützte Ruheposition (Restorative Yoga)

Warum: Der Körper lernt Sicherheit durch Unterstützung

So geht’s:

  • Lege dich auf den Rücken

  • Kissen unter Knie

  • ggf. Decke über den Körper

  • eine Hand auf Bauch, eine auf Herz

  • nichts tun, nur spüren

Dauer: 5–15 Minuten

Diese Übung ist oft effektiver als jede „aktive“ Technik

6. Bauchatmung mit Wahrnehmung

Warum: Verbindet Atmung mit Interozeption (Innenwahrnehmung)

So geht’s:

  • eine Hand auf den Bauch legen

  • beim Einatmen hebt sich die Hand sanft

  • beim Ausatmen sinkt sie wieder

  • keine erzwungene „tiefe“ Atmung

Dauer: 3–5 Minuten

Vielleicht brauchst du nicht alle diese Übungen. Vielleicht reicht eine einzige, die sich für dich stimmig anfühlt. Regulation beginnt oft mit dem Erlauben, weniger zu tun. Der Vagusnerv reagiert nicht auf Intensität, sondern auf Sicherheit. Wenn sich eine Übung unangenehm anfühlt, ist es sinnvoll, sie anzupassen oder zu pausieren.

Gerne begleite ich dich mit Yogatherapie, wo wir gemeinsam eine Sequenz von 15 – 20 Minuten erstellen. Persönlich auf dich abgestimmt.

Cornelia Diem, Yogatherapie & Coaching, Obwalden

Yoga ist für mich ein Weg und gleichzeitig eine Lehre, in der ich mich immer weiter vertiefe. Ich glaube daran, dass wir mit Yoga zu einem friedvolleren und erfüllteren Miteinander und zu mehr Gesundheit und Wohlbefinden gelangen können.

Die Inhalte dieses Blogs dienen ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung dar. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an eine qualifizierte Fachperson.

https://www.corneliadiem.com
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